Comics in Polen

von Christoph M. Kotowski

 
Wenn man an europäische Comics denkt, dann fallen einem in erster Linie nur Titel aus Frankreich, Italien, Belgien, den Niederlanden oder Deutschland ein, was sicherlich nicht falsch ist, aber nicht nur hier werden Comics produziert. Neben diesen fünf Ländern gibt es noch ein weiteres, welches seit Jahrzehnten eigene Serien veröffentlicht und einen lebendigen Comicmarkt besitzt.
Dies ist Polen, das einzige Land Mittel- und Osteuropas, welches schon seit den späten 1940ern eigene und lizenzierte Comics veröffentlich. Zwar hatten die sozialistischen Machthaber der damaligen Volksrepublik keinerlei große Sympathien für die Neunte Kunst, doch im Gegensatz zu anderen Staaten hinter dem Eisernen Vorhang, wie etwa der Sowjet Union oder der ehemaligen Tschechoslowakei, wurden hier Comics nicht als Schund angesehen, sondern als eigene literarische Form betrachtet und neben anderer Belletristik frei verkauft.

Comics während der Kommune

Zu diesen Comics der Zeit von 1950 bis 1989 gehörten in erster Linie besonders idealistische und politisch engagierte Titel aus polnischer Produktion, wie die heutige Kultserie "Kapitan Zbik" und bildende Serien, wie "Historia Panstwa Polskiego" (übersetzt "Die Geschichte des polnischen Staates").
Doch auch andere Comics, die eher auf Action und Spaß hinaus zielten, hatten ihren festen Platz. Zu diesen gehören ausnahmslos Serien wie "Tytus, Romek i A´Tomek" von Henryk J. Chmielewski für die jüngeren Leser, die über die Abenteuer einer Bande von zwei Jungen und ihrem Schimpansen handelt und seit 1957 erscheint, "Kapitan Klos", eine Serie über einen polnischen Geheimagenten, der als Wehrmachtsoffizier im 2. Weltkrieg Aufträge für die Sowjetische Armee erfüllt, die Funnyserien "Kajko i Kokosz" und "Kajtek i Koko w Kosmosie" (übersetzt "Kajtek und Koko im Weltraum") von Starautor Janusz Christa, die in den 1980ern erschien, die Science Fiction geladene Serie "Funky Koval" von Jacek Rodek, die übrigens als die beste polnische Science Fiction Serie geahndet wird und andere Reihen.
Besonders aufgefallen sind zu dieser Zeit auch die Comicalben von Tadeusz Baranowski, die mit ausgezeichnetem und surrealistischem Humor sowie gekonntem Witz die Leser verzauberten.

Neben diesen und anderen Comicserien wurden auch richtige Fachmagazine an den Kunden gebracht. Zu einem der wichtigsten dieser "kalten" Zeit gehört das Magazin "Relax", das beispielsweise mit den deutschen Comicmagazinen "Zack" oder "Magic Attack" vergleichbar ist. In "Relax" wurden neben fachlichen und kompetenten Artikeln und Rezensionen auch zahlreiche Comicstrips von heute namhaften Künstlern veröffentlicht und teils auch extra dafür produziert. So machten zum Beispiel Autoren und Zeichner, wie Grzegorz Rosinski, der später durch die frankobelgische Fantasyserie "Thorgal" weltweit bekannt wurde und Bogus Polch, dessen Werk "Bogowie z Kosmosu" (auf Deutsch unter dem Titel "Das Ende der Götzen" erschienen) in mittlerweile mehr als fünfzehn Sprachen übersetzt wurde, durch dieses Magazin in Polen eine kleine Karriere.
Neben "Relax" befanden sich aber auch jede Menge anderer Zeitschriften auf dem Markt, die entweder in Kiosks, am Bahnhof oder im Fachhandel erhältlich waren, wie auch das schlicht benannte Magazin "Komiks" das neben polnischen Comicstrips auch erstmals ausländische Titel an den Leser brachte.

Der Vorhang öffnet sich

Als dann endlich, im Jahre 1989 nach vielen politischen Auseinandersetzungen und dem Kriegszustand 1981 die politische Wende einschlug, entwickelte sich ein riesiger Comicboom in Polen. Innerhalb der ersten drei Jahre bildeten sich dutzende von kleinen und größeren Verlagen, die entweder eigene Reihen produzierten, oder lizenzierte Serien aus dem Ausland veröffentlichten.
Eine besondere und anreizende Neuheit waren zu dieser Zeit amerikanische Actioncomics mit Superhelden, wie "Superman", "Spider-Man" oder den "Fantastischen Vier". Das größte Geschäft machte mit solchen Titeln das Publikationshaus "TM-Semic", das ausschließlich Comics dieser Art wie "Batman", den "Punisher" oder Robert E. Howards "Conan" veröffentlichte.

Die Puste geht aus

Als ein paar Jahre später die Lust nach Superhelden bei den Lesern zurückging, begann man mit dem Vertrieb anderer europäischer Comics, die man auch schon vorher vereinzelt in Fachmagazinen gesehen hatte. So starteten die Verleger Anfang der 1990er Jahre diverse Serien wie Hergés "Tin Tin", "XIII", "Asterix", "Cubitus" oder "Hugo" und die, wahrscheinlich aus patriotischen Gründen, in Polen sehr beliebte Serie "Thorgal" von van Hamme und Rosinski.

Mitte der 1990er Jahre sah es dann leider nicht mehr so rosig aus. Der Markt hatte sich überhitzt. Viele der frankobelgischen Serien mussten eingestellt werden und eine Menge Verlage durften aus finanziellen Gründen ihre Pforten schließen.
Der polnische Comicmarkt war vollständig "ausgelutscht". Zwar waren Comics weiterhin gut angesehen, doch kaufen wollte sie so richtig keiner mehr. Um 1995 herum erschienen übwerwiegend nur noch polnische und einige amerikanische Comics im Handel. Dazu zählten neben heimischen Neuproduktionen, wie "Awantura" oder "Fan" auch andern Orts bekannte Titel, wie "X-Men", "Spawn" oder "Lobo", die zwar auch nicht mehr das erzielten, wie anfangs, aber trotzdem noch neue Käufer fanden.

Die Wiedergeburt

Um den Markt wieder "aufzupeppen" und in Schwung zu bringen starteten in Polen viele Initiativen und Vereine diverse Aktionen, die Nachwuchskünstler fördern und ihnen bessere Chancen geben sollten, sich in der Branche zu etablieren. Jedes Jahr fanden mehrere Comicmessen und Künstlertagungen statt, bei denen nicht nur einheimische, sondern auch ausländische Autoren und Zeichner aus aller Welt zu Gast waren. So wurden zum Beispiel auch renommierte Comicveranstaltungen der sozialistischen Zeit in Lódz und Kraków wieder belebt, die fast schon in Vergessenheit geraten waren und die so eine Zeit lang den polnischen Comic massentauglich machten.

In dieser Zeit gründeten sich um 1997 herum auch wieder neue Magazine zum Thema Comics und jede Menge Fanzines von aufstrebenden und begabten Comicfans, wie das sehr erfolgreiche Fanzine "AQQ", das zuerst nur mehrfach kopiert per Post verschickt wurde, später aber den Sprung an den Kiosk und den Buchhandel schaffte und mittlerweile seit seiner neuen Publikationsform über 25 Ausgaben erreicht hat. In "AQQ" werden unter Anderem Comics und Sketches von neuen Künstlern und engagierten Fans gezeigt.

1998 wurde der polnische Comicmarkt endlich Zeuge einer neuen Wende. Mit dem professionell verlegten Fachmagazin "Swiat Komiksu" (übersetzt "Die Welt der Comics") kam eine neue aufblühende Zeit ins Land. Das vom Verlag "Egmont Polska" (einer Tochtergesellschaft des deutschen "Ehapa Verlags") verlegte Magazin konnte, durch seine hohe Auflage und eine weite Präsenz, für neue Kunden werben und neue sowie alte Serien, überwiegend aus Frankreich und Belgien, propagieren. Nach zirka einem Jahr zeigten sich schließlich die ersten Erfolge. Die Comics bekamen einen neuen kleinen Boom und immer mehr Buchhändler entdeckten sie als neue Geschäftsidee um mehr Kunden anzulocken! Dies brachte ebenso frischen Wind bei den eigenen Comicschaffenden, was zu noch mehr polnischem Eigenmaterial, meistens in kleinen Auflagen, führte und Neuveröffentlichtungen alter Klassiker, wie dem polnischen Comichelden "Janosik", dessen Abenteuer in der polnischen Mythologie zu Hause sind.

Die heutige Lage

Der polnische Comicmarkt hat sich also nach mehreren Tiefs und Hochs wieder etwas stabilisiert. Der Trend liegt aber nicht mehr bei seichten Titeln, wie Superheldenserien oder Funnycomics. Die Leser interessieren sich überwiegend für anspruchsvolle Bände, seien es Comics aus dem eigenen Land, wie "48 Stron" (übersetzt "48 Seiten"), ein rasanter Comic von Robert Adler und Tobiasz Piatkowski, und anderen europäischen Ländern oder aus den USA.
Besonders ausgezeichnete Werke wie Art Spiegelmans "Maus" oder Frank Millers "Sin City" und Serien aus den amerikanischen Verlagen "Vertigo" und "Image" ernteten großen Zuspruch.
Einiges Interesse liegt auch bei Comicumsetzungen von polnischen Filmen und klassischer Buchliteratur. Allen voran die Werke von Meisterliterat und Nobelpreisträger Henryk Sienkiewicz, die da wären "Quo Vadis", "W Pustyni i w Puszczy" (übersetzt "In Wüste und Steppe"), "Ogniem i Mieczem" (übersetzt "Mit Feuer und Lanze") oder "Potop".
Ebenso in Polen eingeflossen ist der Comicstrom aus dem fernen Osten. Japanische Mangas und chinesische Manwas sind auch hier zu Lande sehr beliebt und konnten in den letzten Jahren eine große Fangemeinde um sich herum aufbauen, was wiederum neue Verlage aus dem Boden stampfte, wie den Verlag "Japonica Polonica Fantastica", der sehr viele und qualitativ gutüberarbeitete Mangas veröffentlicht.

Comics in Polen sind also mehr als Salon fähig, denn richtig gehasst und verspottet wurden sie nie, nicht einmal zu Zeiten der eisernen Kommune, weshalb Polen ohne Zweifel zu den wichtigsten Comicnationen Europas zählt und zudem eine breite Palette an eigenen und abgeschauten Stilen bietet, obwohl der internationale Ausbruch noch nicht so richtig gelungen ist und Eigenproduktionen außerhalb des polnischen Gebietes eher unbekannt sind.
In Sachen Marktstabilität könnte man Polen mit seinem Nachbarland Deutschland vergleichen, was das Interesse an den jeweiligen Comicarten angeht, und die derzeitige Lage der neueren Eigenproduktionen, obwohl die Preise für Comics überwiegend recht angenehm geblieben sind.